„Wie Du mir, so ich dir“? Oder geht es heutzutage doch etwas professioneller: ein Erfahrungsbericht zu Inanspruchnahme juristischer Hilfe in unserer Arbeitswelt und zu der Erkenntnis, sich ernsthaft jemals moralisch gefragt zu haben, ob „man sowas überhaupt machen darf“.

Seien wir mal ehrlich…den meisten von uns zieht sich allein beim Gedanken an Ärger bei der Arbeit bereits der Magen zusammen und nur zu gut kennt ein jeder das flaue Gefühl in der Bauchgrube, wenn wir -um unser „Recht“ bettelnd- uns ein Herz fassen und mit unserem Anliegen vor unseren Chef treten. Unsere Anliegen klingen dabei zumeist ähnlich; Themen wie Überstundenausgleich, Notdienstverteilung, Vergütung, Terminvereinbarungen zu Gehaltsanpassungen, Entwicklungsgespräche oder -wenn das Kind im Sinne einer Kündigung bereits in den Brunnen gefallen ist- auch Themen wie Resturlaubsabgeltung, Auszahlung von Überstunden, Zeugniserstellung, etc. müssen auf den Tisch. Leider ernten wir meist statt einer fairen und gesetzeskonformen Regelung eher Kommentare im Sinne von: „Da müssen wir in Ruhe nochmal drüber reden, ich muss jetzt aber los zu einem Koliker“ oder auch: „Ich dachte, du wolltest hier noch was lernen?“ oder auch: „Das haben wir hier schon immer so gemacht, das geht schon so“.

Fertig. Gespräch beendet. Lösungsvorschläge: 0. Frustrationsgrad: 100.

Fazit: Konstruktiv geht irgendwie anders.

5 Minuten später sitzt man ziemlich adrenalinleer, nicht viel schlauer und herrlich abgefertigt wieder im Praxiswagen und fährt mal besser Schweine impfen.

Herzlichen Glückwunsch.

Zu einem neuen Gesprächstermin kommt es leider auch nicht mehr. Neuer Koliker….neues Pech.

Kein Wunder, dass sich die Mehrheit der angestellten Tierärzte angesichts von mediengetriebenen modernen workbasics des 21. Jahrhunderts ganz xinglike bei solch einem Umgang nicht mehr ernst genommen, für dumm verkauft, gedemütigt und ausgenutzt fühlt. Moderne Anforderungen an ein Arbeitsverhältnis wie eine beiderseitig gelebte Feedbackkultur, Wunsch nach Integrität und Identifikation, Förderung der Individualentwicklung, Übertragung von Eigenverantwortung, Anerkennung durch Zuwendungen etc. gehen nämlich anders. Unsere Generation ist auch beim Thema Arbeit mittlerweile flächenübergreifend sehr gut vernetzt, was dazu führt, dass solche antiken patriarchischen Alleingänge zunehmend zum Scheitern verurteilt sind.

Ein Wunder, dass so gut wie niemand unseresgleichen etwas gegen die „Wild-West-Manieren“ unternimmt. Es treibt einem die (verzweifelten) Fragezeichen ins Gesicht, warum sich die Mehrheit immer noch dermaßen abbügeln und abfertigen lässt. Warum tritt man lieber mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch im Anschluss an so ein Gespräch das Gaspedal des Praxiswagens bis zum Anschlag durch und heult sich auf dem Weg zum Schweineimpfen bitterlich bei den loyalen Kollegen aus, als tatsächlich greifbare Konsequenzen aus dieser Situation zu ziehen?

Und zu allem Überdruss: Im Zeitalter des Fachkräftemangels wird andernorts mit flexiblen Anstellungsbedingungen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Chancengleichheit, Gesundheitsförderung, offener Kommunikationspolitik und einer leistungsorientierten Vergütung geworben. Und bei uns? In unserer Branche, in der ebenfalls händeringend nach Mitarbeitern gesucht wird, sind wir weiterhin meilenweit von oben genannten Selbstverständlichkeiten entfernt.

Aber viel schlimmer: wir verzichten sogar eher auf das uns rechtlich zustehende Gehalt, auf den Urlaub, die Zulagen, den Ausgleich, das Zeugnis, als sich auf den vermeintlich steinigen Weg der Einforderung dieser Rechte zu begeben.

Wir sind aktuell so meilenweit von den wirklich modernen Anforderungen des Arbeitsmarktes entfernt, weil wir es noch nicht einmal schaffen, die absoluten Basics einzufordern.

Betrifft dieses Phänomen des Stillhaltens gerade eher zufällig eine gewisse Generation, eine gewisse Berufsbranche, ein gewisses Geschlecht, einen gewissen Typus Gutmensch oder solche, die sich diesen Verzicht „leisten“ können? Ist die Quersubvention der Veterinärmediziner bereits so selbstverständlich geworden, dass niemand mehr auch nur die Stirn runzelt, wenn „mal wieder nichts dabei rausgekommen ist“?

Oder ist es vielleicht eine Kombination genannter Attribute?

Was auch immer die Auslöser solch eines Wegbückverhaltens sein mögen; dieser Text soll aufklären über das, was wirklich passiert (oder was eben alles nicht passiert), wenn jemand seine Rechte mithilfe juristischer Hilfe geltend macht, wenn jemand aktiv wird, sich an die Oberfläche traut und sich den „Verzicht“ weder aus moralischer, noch aus finanzieller Sicht leisten kann oder will. Wenn jemand in seinem Beruf ernst genommen werden möchte und Eigenverantwortung übernimmt. Und wenn jemand unabhängig von externer Subvention leben möchte oder leben muss.

Ein Zustand, der im Übrigen selbstverständlich für alle (wirklich!) erwachsenen Kollegen und -innen sein sollte.

Beispielhaft werden in Kürze hier die Erfahrungen der Tierärztin Anna wiedergegeben, die uns ihre Sicht der Dinge erläutert hat…